„Mit Essen spielt man nicht“

Das Grillo-Theater lieferte das Motto des DJV-Bundesverbandstages 2010

Vor dem Grillo-Theater hatte das Essener Schauspiel den passenden Slogan angepinnt: „Mit Essen spielt man nicht“ – was heißt: in Essen auch nicht. Die Delegierten des DJV-Bundesverbandstages hatten aber sowieso wenig Gelegenheit für Eindrücke vom novemberlichen Stadtzentrum, der 61-jährige Journalistenverband tagte zwar in der Kulturhauptstadt, ließ aber weder für „Ruhr 2010“ noch für die „61. Essener Lichtwochen“ Zeit und Muse.

Denn die drei Tage waren voll beladen mit Verbandsarbeit – befangen zwischen föderalen Niederungen und zentralistischen Höhen. Doch genau als die Diskussion dort ansetzte – an einer Übernahme vieler Rechte und Pflichten durch Bundesvorstand und dessen Geschäftsstelle, ohne dass absehbar wäre, wann sich der zweimal beschlossene Komplettumzug von Bonn nach Berlin seicht der Realisation zuneige – war schon wieder Schluss.
Begonnen hatte das Ganze mit einem einstündigen Aufgalopp als Außerordentliche Mitgliederversammlung, zu der aufgrund der Landessatzungen fünf Landesverbände all ihre Mitglieder einladen und die Woller hinfahren mussten. Parallel zu den gewählten Delegierten durfte diese per Satzungsänderung bestimmen, dass künftig zum Bundesverbandstag nur noch Delegierte eingeladen werden. Spitzenreiter war Gastgeber NRW mit 97, Zweiter Sachsen mit 20 versammelten Mitgliedern, seitens des alten Brandenburger Verbandes, dem gerichtlichen Auslöser, kam einer extra.
Dies war – neben der Resolution zugunsten der beiden freien Leipziger Journalisten, die von der Dresdner Staatsanwaltschaft strafrechtlich verfolgt werden, und der zweiten Wiederwahl von Katrin Saft in den Presserat – das wichtigste aus sächsischer Perspektive. Enttäuschend hingegen der laxe Umgang mit Rechenschaften und Rechnungsprüferbericht: keine Selbstkritik, kaum Diskussion, echte Parteitagsatmosphäre.
Aber es ging auch anders: Heiße Diskussionen tobten über die Zukunft von Tarifverträgen und um den Umgang mit angeblich ineffizienten Bundesfachausschüssen als Beratungsgremien, die der Bundesvorstand erstmal ordentlich evaluieren solle. Die heißeste – die Debatte um Zentralismus versus Subsidiarität – soll nun im Bundesvorstand weiter ausgefochten werden. Richtig konstruktiv geriet das Treffen von 260 Delegierten (Sachsen hat derzeit 9 Plätze) und 35 Gesetzten von Dienstagnachmittag, als die Anträge in den Arbeitsgruppen beraten wurden, bis Mittwochmittag, als stringent gearbeitet und logisch argumentiert wurde.
Dass sich innere Kontroversen nicht im offiziellen Ausfluss wiederfinden, ist PR-üblich. Gut fürs Image war, dass die eigens eingerichtete Pressebank kaum besetzt war. Die abschließende Demo für das ehrenwerte Motto der praktischen Durchsetzung der neuen Vergütungsregeln für freie Zeitungskollegen (www.faire-zeitungshonorare.de) von der Philharmonie zum Messehotel geriet so früh und kurz, dass der Verbandstag neunzig Minuten früher endete. So gehört zur Diskussion der Zukunftsfähigkeit des DJV über 2015 hinaus unbedingt jene selbstreferentielle über Sinn und Effizienz des laut Satzung höchsten DJV-Gremiums.

Andreas Herrmann

Weitere Berichte zum Bundesverbandstag im DJV-Blog.

Foto: Derbe bayrische Inszenierung um Fünf vor Zwölf vor dem Essener Hauptbahnhof: 25 Kollegen vor 20 Fotografen am Strick – Motto des Flashmobs : „Verleger lassen Journalisten hängen“

Über djvintern
Der DJV Sachsen wurde 1990 gegründet und ist als Mitglied im Deutschen Journalisten-Verband die Interessenvertretung der Journalistinnen und Journalisten im Freistaat Sachsen.

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