Eine Chance für Qualität

Die junge Dekade verspricht Umdenken bei Lokalzeitung und Rundfunk

Die frische zweite Dekade des dritten Jahrtausends könnte eine entscheidende für die Zukunft der lokalen Tageszeitung und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks werden.
Letztere Prognose ist klar terminiert: Mit Beginn der Umstellung der Rundfunkgebühr auf eine Haushaltsabgabe ergibt sich eine sicher pralle Diskussion über Qualität im Fernsehen und den für die Abgabe verbrieften Bildungsauftrag.

Denn plötzlich werden die kategorischen Nichtgucker vom überzeugten Verweigerer zum übertölpelten Kunden – und diese sind garantiert nicht die Dümmsten. Sie werden nicht einfach automatisch – weil bezahlt ist bezahlt – die Quoten und Reichweiten erhöhen, sondern sich angesichts des Preises von fast einem Tageszeitungsabo fragen, warum sie die Erben von Heinz Quermann und Roy Black oder die Renten von Wolfgang Lippert, Achim Mentzel und Carmen Nebel bezahlen sollen. Schlimmer (also: besser) noch: Sie werden den konkreten Nutzwert der erworbenen Leistung hinterfragen. Mag sein, dass die Programmverantwortlichen dann repräsentative Deckung mit dem gemeinen Volksgeschmack ins Feld führen, aber die Qualitätsdiskussion wird von der Unterhaltungs- auf die Informationsqualität überschwappen – und vom Ersten auf die Dritten, mit denen man noch besser beißt.
Die Zukunft der regionalen Tageszeitung hingegen (und da reitet Sachsen mit seinen drei regionalen Riesen, die ja nach gewissen Gelüsten an der Peripherie ihre Gebietsstreitigkeiten beilegten und mit Ausnahmen der Inseln in und um Dresden und Döbeln – ihre Monopole bewahrten, voran) wird in der Gewinnung junger, kaufkräftiger Leser als Abonnenten liegen. Doch dafür finden sich noch lange nicht genügend Argumente in den Blättern, um das natürliche Abstandsgebot zwischen guter Lektüre und anständigem Preis zu überwinden.
Und Berufsleser und -gucker, meist Nachrichtenjunkies, bemerken längst neue, lästige Konvergenzen, also Themen- oder Artikelübernahmen, die das Grundprinzip der Exklusivität – oft ohne Quellenangaben – mangels Ideen, Zeit oder Lust schlichtweg ignorieren. Leidtragende dieser Konvergenz: freie Journalisten, die gern mehr Neues vom Tage geliefert hätten.
Doch das Ende naht: Denn Suchmaschinen mögen keine geklonten Inhalte beim Ranking und am Ende der Dekade werden sicher, dank schnellem Netz in allen Orten und Geräten, auch klassische Rundfunkprogrammschemata Geschichte sein – jeder guckt und hört was er will, wann er will, wo er will.
Und Qualität wird bezahlt werden – und zwar freiwillig. Die gelddekorierte Schmeichelei greift um sich, die Aboform der Zukunft gibt es schon: ein im Voraus bezahltes, medienübergreifendes Netzbudget für Beiträge aller Art – „taz“ und BILDblog machen es vor. Für deren Fetischisten gibt es dann zwei Quoten: je eine für Klickzahl und Erlös.
Das Dilemma für die gedruckte Zeitung bleibt natürlich: Noch eine Dekade des Schwundes wie die beiden jüngsten kann sich keiner leisten. Und eigentlich lesen junge Leute alles und überall, nur halt kein Lokalblatt – und das wird zum Problem: nicht nur für den Hauptberufsstand Redakteur, sondern für die demokratische Informiertheit und damit für sachgerechte Entscheidungen durchs Direktvolk. So wird – dank der Virulenz im Blätterwald – wohl das öffentliche Stiftungsmodell auch für den Printsektor noch einmal diskutiert werden müssen, um den gebildeten Stimmbürger artzuerhalten, solange nicht alle im Netz sind.
Aber ist dieser überhaupt gewünscht? Sieht man sich den zögerlichen politischen EU-Widerstand gegen das neue ungarische Mediengesetz an – oder auch den Umgang mit Journalisten und deren Vertretern vor Gericht oder in der Landespolitik an, kann man für die Zukunft schwarz sehen. Ganz sicher ist nur: Es wird viel zu tun geben, auch für den DJV: Vordenken ist mehr denn je gefragt.

Andreas Herrmann

Über djvintern
Der DJV Sachsen wurde 1990 gegründet und ist als Mitglied im Deutschen Journalisten-Verband die Interessenvertretung der Journalistinnen und Journalisten im Freistaat Sachsen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: