Dicke Texte im großen Gewimmel

Die Messestadt Leipzig wird einmal im Jahr zur Vorleseroase

Was wäre die sächsische Messestadt ohne ihre Buchmesse? Auch nach der mählichen Verlagsflucht zeigt sich die mitteldeutsche Metropole als Kulturhauptstadt für die Freunde des kompakten Genießens jenseits von Netz und anderem Lärm. Wenn Leipzig liest, ist lauschige bis lauschende Ruhe. Nur nicht im Gedränge der Messe selbst, denn die überbordet, vor allem am Wochenende.

Seit 20 Jahren feiert die Gemeinde parallel ihr Lesefest, wodurch sich das Erlebnis das Prädikat Publikumsmesse erwirbt. Mehr als 2000 Lesungen mit rund 1.500 Autoren, darunter rund ein Achtel mit Übersetzung, an mehr als 300 Orten verheißt die Statistik. Aber natürlich gab es 2011 auch die üblichen harten Rekordmeldungen von der Messe selbst: 163.000 Besucher, darunter stabile 45 000 Fachbesucher und 2.150 Aussteller aus 36 Ländern auf 67.000 Quadratmetern wurden gezählt, das Gastland Serbien wurde mit 30 Neuübersetzungen gewürdigt. Erste Umfragen ergaben: 93 Prozent der Aussteller und 91 Prozent der Besucher wollen nächstes Jahr vom 15. bis 18. März wiederkommen.

Die Buchmessepreise sind hingegen seit jeher so eine Sache: Im Leipziger Frühjahr liegt der Belletristik-Fokus auf schwerer Sommerlektüre, im Frankfurter Herbst noch echonäher auf dem nahenden Weihnachtsgeschäft. Allein die Nominierung auf die so genannten „Shortlists“ ist Gold wert für die Verlage – kein Schelm, der Arges dabei denkt.

Aber einerseits gibt es in Leipzig noch dazu die Preise für Sachbuch und Übersetzung und andererseits so manche mutige Entscheidung für Literaturwagnisse. So ging der Preis der Leipziger Buchmesse 2011 knapp an den Österreicher Clemens J. Setz für seine wilde Schreiborgie „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ – die Laudatio verriet die Unterschiede zum täglich Brot der Medienzunft: Eigenwilligkeit der Sprache, kühne Konstruktionen, der Autor als moderner Schamane, der die Schmutzarbeit des Zuendedenkens übernehme. Kein Zweifel gibt es am Preis für die beste Übersetzung in Gedenken an den ganz großen Leo, der als visionenlebender Guru in Krisenzeiten natürlich fröhlich Urständ feiert: Lew Nikolajewitsch Graf Tolstois „Krieg und Frieden“ wurde von Barbara Conrad hundert Jahre nach seinem Ableben und nach einem halben Jahrhundert Pause mal wieder neu ins Deutsche übersetzt – die Jury sagt: echter und somit besser als je zuvor. Beim Sachbuch des Jahres sollten Journalisten aufhorchen: Henning Ritter, ehemaliger FAZ-Redakteur hat seine „Notizhefte“, also die eigene Ideen- und Aphorismensammlung veröffentlicht – eigentlich ein Unding in Zeiten des Allzeitdigitalen, aber vielleicht auch eine Anregung, geistige Alltagsreflexe mal wieder mit Stift und Papier zu speichern. 
Die Verleihung – zum siebten Mal gleich am ersten Messetag, um sofort alle Medien zu erreichen,  donnerstags 16 Uhr eine Stündchen unter tagesheller Glasmesskuppel – hat einen würdigeren Rahmen verdient. Richtige Vorlesungen gab es danach dennoch zuhauf: So am Abend nach der Preisverleihung in allen Tonnen der Moritzbastei: Die Lange Leipziger Lesenacht, für Eilige „L (hoch) 3“ genannt, bot an vier Orten im Stundentakt Lesungen junger deutschsprachiger Autoren bis 35, meist im Doppel- bis Viererpack. Dabei war Ermutigendes für ambitionierte Schreiber mit Restfreizeit zu hören, denn vieles, was den Markt erreicht, hat nicht die Spannung wirklichen Lebens (und damit die Qualität guter Reportagen) – die gebotenen Fiktionen bergen Reserven. Einige Perlen waren dennoch dabei: So hatte der Dresdner Kulturwissenschaftler Oliver Reinhard („Sächsische Zeitung“) als Moderator das sichtliche Vernügen in der kleinen Ratstonne mit Stefanie Sourlier („Das weiße Meer“), Dresdens Ex-Stadtschreiberin Silke Scheuermann („Shanghai Performance“) und Kai Splittgerber („Brehms Tierland. Aus dem Expeditionsbuch des Tierforschers Edmund Alfred Brehm“) drei unterhaltsame und talentierte Autoren zu Gast zu haben. Vor allem von der Schweizerin Sourlier wird sicher – da kann man Reinhard nur beipflichten – noch zu hören sein, sobald sie sich an längere Stoffe wagt. Höhe- und Schlusspunkt und gleichzeitig Sinnbild des Abends: Clemens Meyer durfte halb eins zum Abschluss Gedichtübersetzungen großer Amerikaner, die sich in ihre Hunde versetzen, vortragen. Er tat dies artgerecht und genoss das Heimspiel.

Für Freunde neuer Journalismus-Fachliteratur war vor allem der Stand der UVK-Verlagsgesellschaft aus Konstanz interessant: Neben einem neuen Handbuch für Finanzjournalismus scheint Autor Anton Simons, lange Zeit Lokalredakteur bei der Rhein-Zeitung in Koblenz, nun Web-Konzeptentwickler, mit „Journalismus 2.0. Neue Medien als Chance für Journalismus?“ zumindest die richtige Frage zu stellen.

Elmar Mann

www.leipzig-liest.de

Über djvintern
Der DJV Sachsen wurde 1990 gegründet und ist als Mitglied im Deutschen Journalisten-Verband die Interessenvertretung der Journalistinnen und Journalisten im Freistaat Sachsen.

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