Ostdominanz und Westblick

Die Deutsch-Polnischen Medientage mausern sich zum Fachkongress

Zielona Góra. Es war die 14. Preisverleihung, aber erst die vierte Fachtagung, die kurz vorm Kirchentag nach Westpolen rief. Und Zielóna Gora, durchaus prosperierende Hauptstadt der Wojewodschaft Lubuskie, bot unter Leitung der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit und der Robert-Bosch-Stiftung eine perfekte Organisation der 4. Deutsch-Polnischen Medientage und eine würdige Gala. Philharmonie, Marschallamt und Theater waren die Gastgeberorte, alle sehr gut fußläufig in der belebten Grünberger Altstadt zu erreichen. Höhepunkte natürlich die Preisverleihung, umgarnt von einer sehr polnisch-durchtriebenen Performance aus Hand und Kopf des Theaterintendanten Robert Czechowski und mit einem tollen Fest im leicht morbiden, aber perfekt illuminierten Hinterhof vom „Lubuski Teatr“.  

Fritz Pleitgen hielt eine kluge, ausgewogene Festrede, Wolfgang Kenntemich, (MDR) zeigte mit einem launigen Vortrag vom Stand des vorherigen Jahrtausends hingegen eindrucksvoll, warum beim Mitteldeutschen Rundfunk frisches Blut und neuer Geist dringend vonnöten wären. Auch seine Laudatio zugunsten Eva Maria Schmidt, Filmjournalistin bei ZDF und 3sat und für den Beitrag „Morgen sind wir glücklich“ Siegerin im Bereich Fernsehen, war schlicht unpassend. Sie gipfelte in dem chauvinistischen Satz: „So schön kann Wirtschaftsberichterstattung sein.“

Journalistisch – sowohl personell als auch inhaltlich – war die sächsische Präsenz vor Ort dürftig. Das war kein Wunder nach der öffentlichen Dresdner Ignoranz ein Jahr zuvor. Aber dies tut der Wertigkeit von Preis und Tagung keinen Abbruch, denn das eigentümliche und doch wertvolle sind nicht nur der grenzübergreifende Ansatz zur Grundverständigung, sondern Randgespräche und Folgethemen. Anregungen für sinnvolle Recherche hin zum 15. Preis gab es zur Genüge – die Beobachtung, dass alle Völker generell immer der Sonne hinterher, also gen Westen schauen, ward in verschiedenen Variationen benannt.

Über den Austragungsort 2012 und dessen Nähe zur Grenzregion mag man streiten, vielleicht gehört das Hauptstadtprinzip in der nächsten Runde, wenn die drei Grenzbundesländer und -Wojewodschaften je einmal durch sind, auf den Prüfstand. Dass Schwerin sich vom 14. bis 16. Mai  als würdiger Gastgeber gerieren wird, scheint natürlich außer Zweifel, ob das polnische Übergewicht in Sachen Interesse abnimmt, wird man sehen. 

Andreas Herrmann
(Text und Foto)

Alle Preisträger und neue Ausschreibung: http://www.medientage.org

Über djvintern
Der DJV Sachsen wurde 1990 gegründet und ist als Mitglied im Deutschen Journalisten-Verband die Interessenvertretung der Journalistinnen und Journalisten im Freistaat Sachsen.

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