Zeitbombe im Mund?

5. Mitteldeutsches Medienseminar Zahnmedizin

Am 25. September ist der Tag der Zahngesundheit. Aus zahnärztlicher Sicht sollte es wohl besser „Tag der Mundgesundheit“ heißen, denn nicht nur die Zähne, sondern auch die Mundschleimhaut müssen regelmäßig kontrolliert werden. Rauchen, Alkohol, Tabakkauen und schlechte Mundhygiene sind Ursachen für Schädigungen der Mundschleimhaut. Mundhöhlenkarzinome können entstehen. Diese Krebserkrankung ist in der Bevölkerung wenig bekannt, steht aber in Deutschland inzwischen an sechster Stelle in der Häufigkeit bösartiger Geschwulste.

In Indien ist  der Mundschleimhautkrebs der am häufigsten auftretende bösartige Tumor. „Bei frühzeitiger Erkennung und Behandlung leben fünf Jahre nach Entfernung noch 57 Prozent aller Patienten“, erklärte Dr. med. Matthias Lautner von der Universität Halle-Wittenberg vor Journalisten. Regelmäßige Zanharztbesuche mit Kontrolle der Mundschleimhaut seien zwingend notwendig, auch bei Zahnlosigkeit. Vermeintliche Druckstellen, über die Prothesenträger klagen, können ebenfalls unter Umständen Karzinome sein. Speicheldrüsenkrebs, Melanome, Kieferhöhlenkrebs oder auch Hautkrebs im Gesicht kann bei regelmäßigen Zahnarztbesuchen erkannt werden. Die Ausbildung der Zahnärzte umfasst diese Fachgebiete, so dass sie Veränderungen der Mundschleimhaut sofort feststellen. Damit lässt sich die Zeitbombe im Mund im wahrsten Sinne des Wortes entschärfen. „Die Behandlung von Mundhöhlenkarzinomen erfolgt durch Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen, die sowohl die ärztlichen als auch die zahnärztlichen Aspekte bei der Tumorentfernung und beim Wiederaufbau der Kiefer beachten können“, so Dr. Lautner weiter, der als Arzt in der Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie Halle täglich damit zu tun hat. Mit seinem Referat zum Thema Mundschleimhauterkrankungen eröffnete er die Reihe von Fachvorträgen des inzwischen fünften Mitteldeutschen Medienseminars zur Zahnheilkunde, das im Mai in Halle stattfand. Veranstaltet werden die Seminare gemeinsam von den Landeszahnärztekammern Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, die wiederum  eng mit den jeweiligen Journalistenverbänden zusammenarbeiten. „Es ist unser Anliegen, mit den Journalisten ins Gespräch zu kommen, Aufklärungsarbeit zu leisten, Neues aus dem Bereich der Zahnheilkunde zu vermitteln und über die Medien die Sensibilisierung in der Bevölkerung für bestimmte Themen zu erreichen“, erklärt Zahnarzt Dr. Dirk Wagner, Vorstand der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt und verantwortlich für die Organisation und den Inhalt des Seminars.

Kranke Zähne – kranker Mensch?

Zur wichtigen Frage nach dem Zusammenhang zwischen Erkrankungen des Zahnhalteapparates und Allgemeinerkrankungen referierte Dozent Dr. Stefan Reichert im Hörsaal der Universitätszahnklinik. Zahlreiche Studien belegen, dass es einen Zusammenhang zwischen Zahn und Allgemeinerkrankungen gibt. Danach ist die Parodontitis ein potenzieller Risikofaktor für die Arteriosklerose und Folgeerkrankungen wie Schlaganfall und Herzinfarkt, ein Risikofaktor für untergewichtige Frühgeburten, für chronische Atemwegserkrankungen, den Diabetes mellitus und möglicherweise auch rheumatische Erkrankungen. Laut einer Studie über die Beziehung zwischen Parodontitis und koronarer Herzerkrankung stellen Herz-Kreislauferkrankungen mit fast 50 Prozent die Haupttodesursache in den Industrieländern dar. Mögliche Ursachen für diese Beziehung könnten die Existenz gemeinsamer Risikofaktoren für beide Erkrankungen sein, aber auch eine Schädigung von Koronararterien durch Parodontitisbakterien selbst oder die ausgelöste Immunantwort. In diesem Zusammenhang stellte Dr. Reichert erste Ergebnisse einer Längsstudie vor, die derzeit an der Poliklinik für Zahnerhaltungskunde und Paradontologie in Kooperation mit der Klinik für Innere Medizin III an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg durchgeführt wird. In dieser Studie wurden rund 1.000 stationäre Patienten mit koronarer Herzerkrankung parodontal, mikrobiologisch und hinsichtlich genetischer Veränderungen untersucht. Dabei sollen potenzielle Risikofaktoren für Sekundärereignisse wie zum Beispiel den Reinfarkt identifiziert werden. Eindringlich empfiehlt Oberarzt Dr. Reichert Patienten mit entsprechenden Allgemeinerkrankungen eine routinemäßige Untersuchung auf Parodontalerkrankungen, die dann gegebenfalls zwingend behandelt werden müssen. In der Praxis sei der positive Trend zu beobachten, dass Haus- oder Fachärzte immer öfter die begleitende Kontrolle durch den Zahnarzt mit empfehlen, oft auch gemeinsamn in direkter Absprache an der Gesundheit des Patienten arbeiten.

Auf Abstand – Mundgeruch

Ursachen und Therapiemöglichkeiten von Mundgeruch analysierte Prof. Dr. Hans-Günter Schaller, Direktor der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie. Er empfiehlt Zungenreiniger, Zahnseide und Interdentalbürsten für die schnelle Hilfe. Ein Zahnarztbesuch mit professioneller Zahnreinigung sei dann der nächste Schritt. Der Zahnarzt kann feststellen, ob der Mundgeruch physiologischen oder pathologischen Ursprungs ist. Auch hier können Zahnfleisch- oder Nasennebenhöhlenentzündungen auch mangelnde oder falsche Mundhygiene Ursachen sein.

Aus Angst vor Erkrankungen lies sich übrigens Ludwig der XIV. alle Zähne ziehen, was seinen Zustand allerdings nicht verbesserte. Und um Zähne ging es auch im Rahemnprogramm des zweitägigen Seminars. Bei einem Besuch im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle gab Prof. Dr. Harald Meller, Direktor des Museums, zum Besten, welche Rolle Zähne in der Archäologie spielen und mit welchen wissenschaftlichen Methoden gearbeitet wird. Er sprach über die Identifizierung der vor einiger Zeit im Magdeburger Dom ausgegrabenen Überreste der ersten Frau Otto des Großen, Editha (910-946), Tochter des Älteren von Wessex. Mit Laser-Ablation wurden Strontium-Isotopenuntersuchungen an den Zähnen durchgeführt und deren Ergebnisse mit heutigen Wasser- und Bodenproben aus England verglichen. Das ergab eine hohe Wahrscheinlichkeit der Übereinstimmung der Skelettreste mit den Lebensdaten der Prinzessin von Wessex. Zähne als Informanten über die Lebenden und die Toten – ein spannendes Kapitel.

Ines Witt-Klotz

Über djvintern
Der DJV Sachsen wurde 1990 gegründet und ist als Mitglied im Deutschen Journalisten-Verband die Interessenvertretung der Journalistinnen und Journalisten im Freistaat Sachsen.

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