Hintertorkamera mit Folgen

Zum Umfang der Verkehrsicherungspflicht für den Veranstalter einer Sportveranstaltung

Der 7. Juni 2009 war der letzte Spieltag der DFB-Regionalliga Nord, bei dem sich u.a. der Hallesche Fußballclub e.V. und der VFC Plauen gegenüberstanden. Für den HFC wäre für einen Aufstieg in die dritte Liga Schützenhilfe des VfL Lübeck oder aber- aus eigener Kraft- ein Sieg über Plauen mit mehr als sieben Toren Differenz erforderlich gewesen. Und im Sport ist ja bekanntlich alles möglich. Unter diesen Vorzeichen stand auch die Stimmung im mit 9.000 Zuschauern gut gefüllten Kurt-Wabbel-Stadion in Halle, wobei sich sowohl die Spieler als auch die Fans auf den Tribünen nichts schenkten.

Unser Mitglied, ein selbständiger Bildjournalist aus Plauen, wollte für die heimatliche Tageszeitung von diesem Spiel berichten und bewarb sich um eine Akkreditierung beim Vorstand des HFC. Wenige Tage vor Spielbeginn erhielt er das gewünschte Papier und war samt Ausrüstung pünktlich zu Spielbeginn im Stadion. Eine Kamera baute unser Mitglied direkt hinter einem Tor auf. Es war eine drei Jahre alte Canon EOS 1 D Mark II N samt Objektiv und weiterem Zubehör im Neuwert von ca. 4.900,00 EUR. Unser Mitglied selbst blieb nebst zwei weiterer Kameras im Tribünenrund, um Fotos vom Spielgeschehen zu machen. Mittels Fernauslöser konnten dann die Hintertorfotos gemacht werden. Die Kamera wähnte unser Mitglied ob des drei Meter hohen Sicherheitszaunes, der das Stadioninnere von den Tribünen absperrte, in Sicherheit. Bis hierher also nichts Besonderes.

Der VFC Plauen ging in der 55. Minute in Führung, womit die Chancen für einen Aufstieg nun denkbar schlecht waren. Zumal der direkte Aufstiegskonkurrent KSV Holstein in der 87. Minute gegen den VfB Lübeck in Führung ging und somit den Aufstieg des HFC endgültig zunichte machte.

Ab dieser Minute kippte auch im Kurt-Wabbel-Stadion die Stimmung. Dutzende gewaltbereite und zum Teil vermummte „Fans“ des HFC, in den entsprechenden Kreisen unter dem Namen „Harter Kern der Saalefront“ bekannt, drängten brüllend an die zwei der so genannten Heimfantore, d.h. die Personentore, die von den Gastgeberfantribünen in das Stadioninnere gehen. Plötzlich und unterwartet wurden Sekunden nach dem Schlusspfiff in der 90. Minute- die Mannschafen waren noch auf dem Platz- diese beiden Tore von den Sicherheitsleuten des HFC geöffnet. Es gab in Fußballkreisen Stimmen, dass die Sicherheitsleute zu den Sympathiesanten der Anhänger des „Harten Kerns der Sallefront“ gehörten.

Was nach der Öffnung der Tore geschah, ist –selbst mit dem zeitlichen Abstand von 1,5 Jahren betrachtet- kaum zu beschreiben. Die Fans, besser Chaoten genannt, stürmten das Stadioninnere und schlugen alles kurz und klein, was ihnen in den Weg kam, Spieler wurden angepöbelt, die sich nebst Schiedsrichter in die Kabinen flüchten. Und dass mit der Kamera unser Mitglieds was passiert, war nur eine Sache von Sekunden. Ein – der Polizei im Laufe des Prozesses namentlich bekannt gewordener Fan- haut mit dem Fuß auf die Kamera ein, die im hohen Bogen davon fliegt und auf dem Boden zerbricht. Unser Mitglied selbst hatte keine Möglichkeit mehr, die Kamera in Sicherheit zu bringen. Übrig blieben nur ein paar Kleinteile, die nach dem Chaos von unserem Mitglied aufgelesen werden konnten.

Der HFC zeigte sich nach anfänglichen Zusagen, für den Schaden aufzukommen, dann doch nicht bereit, unserem Mitglied Ersatz für den Verlust der Kamera zu leisten. Der Sicherheitszaun habe laut HFC „ nicht die Funktion, das Eigentum des Fotografen vor Zerstörung zu schützen“. Da außergerichtlich keine Einigung zu Stande kam, wurde schließlich Klage vor dem Amtsgericht Halle eingelegt. Die Verhandlungen fanden im Mai 2010 und im Juni 2011 statt. Das Amtsgericht hat –weil vom HFC bestritten- zur Höhe des Schadens einen Zeugen gehört sowie ein Sachverständigengutachten eingeholt, das eine Schadenshöhe von 2.000,00 EUR attestierte.

Mit Urteil vom 5. Juli 2011 verurteilte das Amtsgericht den HFC zur Zahlung von 2.000,00 EUR an unser Mitglied. Dagegen ging der HFC vor das Landgericht Halle in Berufung. Das Landgericht wies nach Verhandlung im Dezember 2011 die Berufung des HFC zurück. Es verblieb also bei der Entscheidung des Amtsgerichts Halle.

Das Landgericht ging wie das Amtsgericht zu Recht davon aus, dass der HFC seine Verkehrssicherungspflichten verletzt hat, und zwar durch Unterlassen ausreichender Ordnungsmaßnahmen. Beide Gerichte führten aus, dass derjenige, der eine Gefahrenlage, gleich welcher Art, schafft, grundsätzlich verpflichtet ist, die notwendigen und zumutbaren Vorkehrungen zu treffen, um eine Schädigung anderer möglichst zu verhindern. Eine solche Verkehrssicherungspflicht trifft nach dem Urteilsspruch auch den Veranstalter einer Sportveranstaltung gegenüber den Zuschauern und den anderen im Stadion anwesenden Personen – wie unser Mitglied als akkreditierter Pressefotograf.

Das Landgericht ging noch einen Schritt weiter und wendete ein Urteil des Bundesgerichtshofs an: Der Veranstalter eines planmäßig durchgeführten Sportereignisses mit öffentlichem Interesse, zu dem Zuschauer sowie Pressevertreter und Sponsoren eingeladen werden, schafft die (abstrakte) Gefahr, indem er den Zustand von dem für die Zuschauer eine Gefährdung ausgehen kann, herbeiführt oder andauern lässt, weshalb er insoweit für Schäden haftet. Es muss danach zwar nicht für alle denkbaren Möglichkeiten eines Schadenseintritts Vorsorge getroffen werden, vielmehr sind nur die Vorkehrungen zu treffen, die ein verständiger, umsichtiger, vorsichtiger und gewissenhafter Angehöriger der betroffenen Verkehrskreise –hier der Sportveranstalter- für ausreichend halten darf. Das muss dann im Einzelfall natürlich immer geprüft und letztlich in die rechtliche Form „gegossen“ werden.

Eins steht nach dem 1,5 Jahren währenden Streit fest: fest: Neben dem finanziellen Erfolg, der unserem Mitglied zumindest einen Großteil der Kosten für eine neue Kamera brachte, wurde deutlich, dass bei Sportveranstaltungen, insbesondere Fußballveranstaltungen, zum Schutz aller Beteiligten besonders hohe Anforderungen an die Veranstalter zu stellen sind. Die Veranstalter müssen sich der Gefahren von Massenveranstaltungen bewusst sein und ihnen im Rahmen vernünftigerweise zumutbar vorbeugen. Wer das nicht tut, ist –im Schadensfall- dran. Da gibt es kein Wenn und Aber. Da gibt es auch keine Unterschiede nach Kassenlage des Vereins oder Veranstalters. Ob Fußballspiel, Straßenfest oder Loveparade. Die rechtliche Lage ist klar definiert, und das ist gut so.

Nur noch zum Schluss: Es besteht neben dem Anspruch gegen den HFC natürlich auch ein Anspruch gegen den „Fan“ direkt, der die Kamera zerstört hat. Da dieser zwischenzeitlich namentlich bekannt ist, hätten Ansprüche unmittelbar gegen ihn auch gestellt werden können. Was offen bliebe, wäre die Durchsetzbarkeit dieses Anspruchs. Denn was nützt jemanden ein – nach zwei Jahren- gewonnener Streit, wenn er mit dem Urteil nichts anfangen kann?

Carsten Lommatzsch
CL@djv-sachsen.de

Über djvintern
Der DJV Sachsen wurde 1990 gegründet und ist als Mitglied im Deutschen Journalisten-Verband die Interessenvertretung der Journalistinnen und Journalisten im Freistaat Sachsen.

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