Wer treibt warum zur Übertreibung

Hochsichere Schein-Welt, Megavorhaben der Politik, hochkomplex, superkorrekt, das Imperium kehrt zurück, superspannend

„Die Journalisten sollten viel besser nachdenekn über das, was sie schreiben. Die Zeitungen sollten bildend wirken, auch auf sprachlichem Gebiet.“ Diese goldenen Worte schrieb Leserin Eva Pauksch kurz nach Jahresbeginn einer Dresdner Tages-zeitung. Und Recht hat sie, die die Medien nicht nur nach Sensationen „überfliegt“, sondern ein wenig genauer konsumiert.

Rechtschreibfehler sind auf der Tagesordnung, oft falsche Zeitbezüge vorhanden, ungenaue Schreibweisen von Namen sind zu finden, miserable Bildunterschriften lassen die Qualitätsarbeit von Fotoreportern zunehmend vermissen. Auch die Hörfunk- und Fernsehleute kommen für ihre Versprecher nicht ungeschoren davon; sie haben nur den Vorteil des flüchtigen und damit schnell vergessenen Wortes.

In meinem Beitrag im Kurier 2/11 „Rekord! Rekord! Rekord!“ konnten sich einige unserer Berufskolleginnen und -kollegen durch ihren ungebremsten Gebrauch die-ses einschätzenden Wortes für vieles wiederfinden. Aber es ist kaum zu glauben, das trieb manche unserer Gilde (oder gehören sie gar nicht zu uns ?) zu noch massloseren Übertreibungen.

Was bitte schön ist ein „absoluter Rekord“ (mdr, Sachsenspiegel, 6.11.2011) ?, was bitte ist ein „Megavorhaben der Politik“ (DNN, 5.10.2011) ?, was dachte sich die Schreiberin oder der Schreiber bei der Überschrift „Hochsichere Schein-Welt“ (DNN, 12./13.11.2011) ? Und die Werbung für den Fußball beim mdr-jump setzt noch einen drauf (7.2.2012): „hochspannend, hochunterhaltsam“. Und weiter geht die Überspanntheit: so war eine Tatsache „superkorrekt“ (mdr, Brisant, 3.11.2011), ein Auftritt von Stars und Sternchen „hochkarätig“ (mdr, Sachsen-spiegel, 5.2.2012), ein Bericht zum Doping „hochkomplex“ (ARD, Sportschau, 5.2.2012). Das sind ganz einfach übelste Übertreibungen. Oder denken die Verfasser das sie besonders klug sind ? 

Schon fast beschämend für uns ist die Tautologie „Der weltgrößte Pantoffel der Welt“ (DNN, 28.7.2011), die ihn trotzdem nicht größer macht, als er wohl tatsächlich ist. Und hier muss ich natürlich fragen: Wer lässt zu, dass so etwas gedruckt wird ? Und die Antwort ? Ach ja, in diesem Gesellschaftsystem ist es immer die oder der andere. Den Punkt auf das i setzte ein eigentlich seriöser Sportredakteur mit „Das Imperium kehrt zurück“ als Überschrift zum Erfolg einer symphatischen Biathletin (DNN, 7./8.1.2012). Was soll diese aufgeplusterte Übersteigerung ? Kann man nicht mit anerkennenden Worten sachlich berichten, ja – wenn man das sprachliche Können hat – ja sogar die sportliche Weiblichkeit lobend „umgarnen“ ? ohne die folgenden Aktiven zu vernachlässigen. Wie wäre es mit einer zierlichen Göttin des Wintersports ?

Unüberlegt und gedankenlos finde ich Textstellen, wo ein falscher Zeitbezug herstellt, oder auf Seite 1 etwas anderes als auf Seite 3 schreibt. Jüngstes Beispiel: „Manfred Krug feiert heute seinen 75. Geburtstag“ (DNN, 7.2.2012), „Sänger und Schauspieler Manfred Kug. Morgen wird er 75“ (DNN, 7.2.2012). „Liebe Leser und Leserinnen, morgen fliegen uns wieder die Knaller um die Ohren“ (Sächsische Zeitung, 31.12.2011), Bildunterschrift: „Beim obligatorischen Kontrollgang am Kap finden Detlef Wieck (r.) und Andre Rockefelder gestern die Leiche Katharinas(DNN, 1.2.2012. Wie ist das nun mit der Gegenwart und Vergangenheit ?

Eine Art journalistisches Meisterstück lieferte eine Schreiberin ab: „Nena war die Nummer eins. Die erste Schallplatte, die Tim Thoelke in sein Regal stellte. Gekauft 1933, von seinem Geburtstagsgeld. Da war er elf Jahre als. Heute, 28 Jahre später, steht der Leipziger DJ und Moderator vor einem Regal mit geschätzten 4000 Platten. Jede davon habe ich zumindest einmal durchgehört“, schwört der 39-jährige und lächelt. Also: Auch wenn die verehrte Pop-Ikone, vierfache Mutter (!) und nach wie vor blendend aussehende Dame tatsächlich mit ihrem bisherigen Künstlerinnenleben Millionen Menschen für ihre Art gewinnen konnte, gab es jedoch vor achtzig oder noch mehr Jahren „Scheiben“ mit ihren Chart-Knüllern noch nicht zu kaufen ! Das erstens und zum zweiten: Auch wenn der ehrenwerte Herr damals schon elf Jahre alt war und heute 28 jahre später als 39-jähriger munter lächelt, ja was für ein anatomisches Wunder ist er eigentlich ?

Nun noch etwas: Überschriften sollen ja die Rezipienten anregen, den Beitrag weiter zu lesen. Aber oftmals bleiben sie schon da „hängen“ und blättern weiter. Beispiele gefällig ? „Galopprennbahn: Timara ließ ihren Gegnern keine eine Chance (Dresdner Wochenkurier), „Atomalarm an Abend“ (DNN, 18.3.2011), „Vom Raumfahrtbahnhof Kourou sind schon 200 Raketen abgehoben“ (DNN, 12.4.2011), „Die Mauer ist unkaputtbar“ (DNN, 15.7.2011), „Bufdis verzweifelt gesucht“, „Freital ehrt Künstler Eberhard von der Erde“ und „Eberhard von Erde erhält Freitaler Kultur- und Kunstpreis“, „Die Ober-Haupt-Regel-Real-Schule“ (DNN, 14.11.2011), „Busse statt Zügen“ (DNN, 24.1.2012).

Folgendes ist mir nicht nur aufgefallen, es zeugt vielmehr von totaler Unkenntnis und absoluter Faulheit wenigstens einmal nachzuschlagen, wie Orts- und Städtenamen richtig geschrieben werden. „Bad-Gottläuba, Alten berg, Bad-Schandau, Bad-Brambach stand in den DNN, am 11.8.2011. Richtig wäre: alle ohne Bindestriche, die Osterzgebirgs- und Bergbaustadt wird zusammen geschrieben und der Kurort heißt Bad Gottleuba. Warum tut man den Menschen von hier so etwas an ? Diese „Arbeit“ ist auch ein Ergebnis dessen, dass kaum einer – um nicht zu sagen: keiner – das Geschriebene selbst noch einmal liest, oder ein anderer die Fehler entdecken würde.

Eine Bemerkung zu dem kürzlichen Sportbericht „Am Ende die Nerven behalten“ (DNN, 18.1.2012), in dem ein Redakteur einem Handballspieler gleich dreimal einen anderen Vornamen gibt: Kiril, Kilri und Kili Lazarov. Für mich ein Ausdruck von höchster Liederlichkeit. Auch in Fernseh-Vorschauen schleichen sich Merkwürdigkeiten ein: DNN, 22./23. 10. 2011: In einer kurzen Inhaltsbeschreibung heißt der Film „Tatort Mauerpark“, im Zeitspiegel „Tatort Mauerwerk“.

Um nicht nur zu „meckern“, noch etwas zum Schmunzeln: Komische Bildunterschriften: „Barbara Kusch: „Papsfelder.“ (DNN, 19.8.2012). „Demonstranten fordern am Sonnabend vor dem Schluss Bellevue den Rücktritt von Bundespräsident Christian Wulff“ (DNN, 9.1.2012).

Ein bisschen zum Nachdenken und zur Sprachpflege beigetragen zu haben hofft

Theodor Ernst Wolf

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Über djvintern
Der DJV Sachsen wurde 1990 gegründet und ist als Mitglied im Deutschen Journalisten-Verband die Interessenvertretung der Journalistinnen und Journalisten im Freistaat Sachsen.

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