Junger Journalismus in Kamenz bewertet…

Das ist dieser Gotthold Ephrahim Lessing - Freimauerer (in HH) und !Journalist!Die Preisträgerin des journalistischen Themas „Schreibe wie Du redest, so schreibst du schön.“ beim Schüler-Schreib-Wettbewerb 2012/2013 der Lessing­stadt Kamenz heißt Lisa Schuler. Sie lernt in der 11. Klasse des Evangelischen Kreuz­gymnasiums Dresden und hat sich mit ihrem Beitrag „Vom Schönreden und Schönschreiben“ unter zwölf Einsendungen durchgesetzt. Der DJV Sachsen ist seit drei Jahren Partner des Lessing-Schüler-Schreibwettbewerbs. Ebenso lange haben die Teilnehmer die Möglichkeit, sich neben den drei literarischen The­men für das journalistische zu entscheiden. Das diesjährige Thema ist ein Zitat aus einem Brief Lessings an seine Schwester Dorothea Salome aus dem Jahr 1743.

Axel Arlt

Lisa Schuler
Vom Schönreden und Schönschreiben

Zeit ist in der heutigen Welt ein seltenes Gut. Nicht umsonst erlernt jedermann von Kindesbeinen an die Phrase „Zeit ist Geld“. Und von Geld hat man bekanntlich ja immer zu wenig. In unserer heutigen Gesellschaft verfolgt uns dieser Mangel an Zeit in alle möglichen Bereiche des Lebens. Bei manchen ist das Zeiteinsparen offensichtlicher, bei anderen so gut in unserem Unterbewusstsein versteckt, dass wir uns nur durch das Nehmen der Zeit ihrer bewusst werden. So werden nicht nur Autos schneller, elektronische Geräte effizienter und durch die virtuellen Möglichkeiten den Studenten langes Durchstöbern der Universitätsbibliothek abgenommen. Auch in der Sprache, der gesprochenen wie der geschriebenen, wird der Zeitmangel ersichtlich. Unsere Sprache passt sich immer mehr dem hektischen Alltag an und dies dürfte sich voraussichtlich in der näheren Zukunft nicht ändern. In welchem Ausmaße diese Entwicklung jedoch von statten gehen wird und wie sie zu bewerten ist, scheint so unklar zu sein wie die Frage nach Alternativen.Um sich in dieser Angelegenheit Klarheit zu verschaffen, geht man am besten schrittweise vor. Betrachtet man zunächst die geschriebene Sprache in der virtuellen Welt, erkennt man, dass sowohl im Facebookchat, im I.C.Q, Skye und im fast schon veralteten SMS-Schreiben die Intention der Mediennutzung dieselbe ist: Der Nutzer möchte schnellstmöglich mit einer oder mehreren anderen Personen in Kontakt treten. Dabei liegt ein Unterschied zum Schreiben von E-Mails und längeren Nachrichten vor: Chatgespräche sind eben Gespräche. Sie simulieren Unterhaltungen, welche man sonst persönlich – in der Form des tatsächlichen einander Gegenstehens – oder telefonisch führt. Bei diesem Vergleich kristallisieren sich jedoch zwei Nachteile der schriftlichen Unterhaltung der gesprochenen gegenüber heraus. Es erscheint als ein unmögliches Unterfangen, in derselben Geschwindigkeit zu schreiben, mit der man ein Gespräch normalerweise führt – es sei denn, man ist ein Weltmeister im Schnelltippen. Der Normalmensch muss also nach anderen Lösungsmöglichkeiten suchen – und so werden die Wörter einfach durch Verkürzung schneller gemacht. Aus „vielleicht“ wird „vllt“, „ich habe dich lieb“ wird zum knappen „hdl“, bei manchen Wörtern geht man sogar so weit, dass man nur noch einzelne Buchstaben und so wird aus „okay“ „k“. Dieser Buchstabendiebstahl macht den zu übermittelnden Text kürzer – im Falle des SMS-Schreibens sogar billiger – ist jedoch für Uneingeweihte unverständlich und schwerer zu lesen als eine Buchstabensuppe.

Unverständlichkeit beziehungsweise das Missverständnis ist der zweite große Nachteil, welches ein virtuelles Gespräch anderen gegenüber hat. Stehen sich zwei Personen im Gespräch gegenüber, so werden mehr als nur bloße Wörter ausgetauscht. Gesten, Mimik und Körperhaltung vermitteln Gefühle und helfen den Personen, einander besser zu verstehen. Auch während eine Telefonats werden jene Empfindungen durch die feinen Nuancen in den Stimmenlagen der Sprecher wahrgenommen. Die emotionale Ebene des Gesprächs kann jedoch nicht in den kurzen, gehetzten Wörtern des Chats aufgebaut werden und so musste man sich anders behelfen, dieser Kahlheit entgegen zu wirken. Die Anhänger des „World Wide Web“ fanden eine Möglichkeit und überschwemmten die virtuelle Welt geradezu mit sogenannten Emoticons. Diese kleinen Bildchen spielen den Überbringer von alldem, was mit Wörtern nicht ausreichend ausgesprochen werden kann. Ob ein lachender Smiley oder das kecke Zwinkern: Emoticons sind mit kurzen Tastenkombinationen oder dem einfachen Anklicken nicht nur schnell verfügbar, sondern auch einfach und erfreuen sich daher großer Beliebtheit.

Gotthold Ephraim Lessings „Schreibe wie du redest, so schreibst du schön“, mit welchem er sich 1743 an seine Schwester wandte, ließe sich also auf diese Chatgespräche übertragen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass sich das Verkürzen der Wörter auch in unserem Sprechen wiederfindet. Der Mensch schreibt also im heutigen Zeitalter so, wie er redet. Aber kann man das als „schön“ bezeichnen? Der Kiez-Dialekt ist ein Beispiel dafür, dass Menschen in der gesprochenen Sprache dem Zeitmangel nachgeben und so werden munter Artikel, Personalpronomen, Präpositionen oder Buchstaben weggelassen. Der Satz „Mach ma schneller!“ klingt unhöflich und ungebildet. Sprachliche Mittel glänzen mit Abwesenheit, die Sprache selbst erscheint leblos und als wäre der Sprecher unfähig, ihrer mächtig zu sein. Eine Verschriftlichung dieses Redens kann also nicht schön werden, egal wie sehr Lessing es sich auch wünschen würde.

Was nun? Ein einfaches Austauschen der Wörter scheint logischer zu sein. Wenn unsereins redet, wie wir schreiben, kommt das der Schönheit nicht näher? Lässt man einmal die Chatgespräche beiseite, geht es in seriöseren Texten um die Behandlung eines Themas in einer für den Adressaten verständlichen Art und Weise. Wegen dieses Strebens nach Verständlichkeit haben weder Facebookchat noch der Kiez-Dialekt etwas in den Texten zu suchen, sind diese Sprachformen doch nicht nur regional bedingt, sondern weisen auch von Generation zu Generation Unterschiede auf. Der Schreiber hat auch beim Formulieren eines Textes mehr Zeit zur Verfügung als ein Redner. So kann er sich eine größere Klarheit über das Thema verschaffen, Bilder und Metaphern nutzen, um den Text zu beleben und diesen immer und immer wieder überarbeiten, bis am Ende Perfektion steht. Und nur Perfektion ist es, was der Schreiber auf Papier verewigen möchte, ist es doch dann greifbarer, realer als ein virtueller Text. Der Schreiber wählte schon zu Lessings Zeiten seine Wörter sorgfältiger aus, waren sie doch für die Ewigkeit bestimmt. Anders die Worte des Redners, welche schon schnell im Wind verklingen können, ohne irgendwo anders als im Geiste bestehen zu bleiben. Ein vorgelesener Text scheint also schöner zu klingen, da er mit mehr Bedacht gewählt wurde, als das spontane Gestammel eines Redners.

Scheinen, würde, wäre – es ist einfach ein wenig Philosoph zu spielen und zu überlegen, in welchem Maße Lessings Worte wahr sind. Aber man darf nicht den Blick auf die Tatsachen verlieren. Betrachtet man die reine Entwicklung der deutschen Sprache anhand ihrer Regeln und Strukturen, stellt man fest, dass es tatsächlich Lessings ursprüngliche Worte sind, die den Weg weisen. Anders als bei der vorherigen Betrachtung geht es dieses Mal aber nicht um eine Verkürzung der Wörter, sondern um die Einfachheit dieser. Die Deutschen schreiben immer mehr so, wie sie tatsächlich reden. Schi sieht zwar noch ein wenig ungewohnt und fast eigentümlich aus. Diese Schreibweise scheint aber viel logischer zu sein, statt der alten: Ski. Auch dass der Delphin jetzt mit „f“ geschrieben werden kann, verwirrt noch manche alten Schulgänger. Aber man gewöhnt sich schnell daran, macht es doch das Deutschlernen um vieles einfacher. Manch Schüler wartet wahrscheinlich sehnlich darauf, dass das stumme „h“ aus Rhythmus und Rhetorik verschwindet  –  wie es bereits aus rau gestrichen wurde. Erkennend, dass es immer einfacher wird, deutsch zu schreiben, wundert man sich, ob das nicht der ultimative Fortschritt ist? Wenn es weniger Regeln gibt und die Sprache einfacher, wird es dann nicht immer leichter, mit einer größeren Masse in Kontakt zu treten? Die Sprache ist das Mittel der Menschen miteinander zu kommunizieren und diese Kommunikation wird durch diesen Wandel gefördert – oder nicht?

Der innerdeutsche Sprachwandel lässt einen in eine einfachere Zukunft blicken, aber die deutsche Sprache ist nicht allein und sie unterliegt immer mehr einem globalen Einfluss. Wegen der technischen Fortschritte im 21. Jahrhundert gibt es kaum noch Grenzen zwischen den einzelnen Ländern – politische einmal außen vor gelassen. Die Welt als Ganzes rückt immer näher zusammen, sie wird zu einem Dorf und die verschiedensten Sprachen verweben sich. Anglizismen sind ein fester Bestandteil unseres täglichen Sprechens geworden, aber auch ein paar deutsche Wörter haben sich in die englische Sprache eingeschlichen. Kindergarten, Doppelgänger, Zeitgeist; die Zahl nimmt stetig zu. Die Sprachen sind doch aus wenigen einzelnen entstanden und haben sich im Laufe der Zeit durch geografische und politische Grenzen voneinander entfernt, finden sie jetzt wieder einander und nähern sich wieder einander an. Unmöglich ist nicht der Gedanke, dass in einigen Jahrhunderten die Menschen sich länderweit miteinander unterhalten können. Dieses Verlangen nach universaler Kommunikation gibt es, nicht umsonst suchte man in der Vergangenheit schon nach Weltsprachen, um gegebene Sprachgrenzen zu überwinden.

Dass Sprache einem stetigen Wandel unterliegt, ist ein Fakt, der durch den ständigen Drang der Menschen, einander zu verstehen, angetrieben wird. Auch ist es ein Weg, dem man offen entgegen blicken kann, macht er doch alles nur einfacher für den Menschen. Sprachen werden immer leichter und bringen wieder nahe, was einst zusammen war. Möchte man jedoch Lessings Worte mit dieser Entwicklung in Einklang bringen, sieht man ein, dass weder das Original noch das Vertauschen der Worte das Wahre ist. Dabei ist es aber nicht die Frage, ob wir reden sollen wie wir schreiben und vice versa, sondern das Empfinden von Schönheit in der gewählten Weise. Außer dass man beim bewussten Schreiben mehr Perfektion als beim bloßen Drauflosreden, garantieren doch weder das Reden noch Schreiben totale Schönheit. Vielleicht ist der Begriff der Schönheit zu vielseitig, um ihn uneingeschränkt nutzen zu können. Lässt man also den Aspekt des Schönen beiseite, findet man in beiden Versionen der Worte Lessings Wahres. Und vielleicht kann man sie beide mit den folgenden Zeilen vereinen: „Schreibe wie du redest und die Sprach wird zum Mittel, dich mit Anderen zu verständigen. Redest du aber so, wie du in Ruhe schreibst, findest du die Kunst in der Sprache.“

Über djvintern
Der DJV Sachsen wurde 1990 gegründet und ist als Mitglied im Deutschen Journalisten-Verband die Interessenvertretung der Journalistinnen und Journalisten im Freistaat Sachsen.

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