Mehr Zeit für die Debatten!

odjt12 swKünftig mehr zu erreichen für das durch eine neue regionale Identität geprägte Selbstverständnis für Ostdeutschland als wichtiger Region in der Mitte Europas, war einer der Wunschgedanken für eine DJV-Veranstaltung in Berlin. Ausführlich nachzulesen im Grußwort für den ERSTEN OSTDEUTSCHEN JOURNALISTENTAG. Bislang gab es wohl solche Meetings im Norden, Westen und Süden.

Der Dank, dass es endlich zu diesem Zusammentreffen mit Podiumsdiskussionen, Workshops, Vorträgen und Kaffeepausen kam, gebührt vor allem dem Spreestädter Bernd Lammel und seinen Mitstreiterinnen und Unterstützern. Aktuelle, zeitnahe Themen boten genügend Gesprächsstoffe, nur zu wenig Zeit für Debatten. „Staatsversagen vor dem braunen Sumpf: Berichten oder ignorieren ?“, „Kampf um die Wahrheit: Wer kann sich investigativen Journalismus noch leisten ?“, „Müssen Medien den Rechtsextremismus fokussieren ?“, „Bücher ohne Verleger: Self-Publishing“ und andere.

Mit unterschiedlichen Erwartungen und mancher Frage waren die rund 200 Journalistinnen und Journalisten in die Hauptstadt gekommen, erhielten jedoch nicht immer 061020122944-a-s-anmeldungen-odjt-2012-hprfotoausreichende Antworten, weil dafür einfach zu wenig Zeit war. Nehmen wir die Erkundigung „Lohnt sich investigativer Journalismus ?“, der – wie jüngste Beispiele beweisen – gründliche Recherchen erfordert und handwerkliches Können voraussetzt, um Qualitätsjournalismus erreichen zu können.

Ein Lokal-Redakteur: „Mein Geschäftsführer sagt, dass der Leser keinen Qualitätsjournalismus bezahlen will.“ Aus seiner Erfahrung heraus erwiderte Bernd Lammel: „Die Leser wollen sich schon Qualitätsjournalismus kaufen.“ Investigative Projekte sollten unterstützt werden, auch finanziell, „wie man eine Streikkasse auffüllt.“

Diese Vorhaben bei der Suche nach der und beim Kampf um die Wahrheit erfordert exakte, fachlich fundierte Recherche. Diesbezüglich sprach ein Chefredakteur einer nordischen Zeitung von unbedingt „sauberer, keiner schlampigen Recherche“.

„Wir müssen publizistische Haltung zeigen“, mahnte er mit Blick auf den Rechtsextremismus, den „braunen Sumpf“. Der Rechtsextremismus treibe seit langem sein Unwesen, stellte er fest und ergänzte enttäuscht, dass im Kampf gegen ihn „eigentlich nirgends gekämpft werde“ und ihm das bloße Gerede „bis hierher stehe“, wie seine Handbewegung unterstrich.

Ebenfalls vom Podium verwies der Pressesprecher eines nordischen Landkreises auf das Problem der Nazis in ganz Deutschland und sprach von einer „medialen Übersättigung“ dieser beunruhigenden Situation.

Letztendlich schützt der Staat gesetzlich die braune Brut vor protestierenden Nazigegnern; genehmigten Aufmärschen, aber auch friedliche Gegen-Demonstrationen, ruft die Bürger zu Besonnenheit auf.

Lohnt sich überhaupt investigativer Journalismus, verändert er möglicherweise die Gesellschaft – oder geht besser jeder seinen Weg in diesem System ? lautete eine weitere der Fragen. Und ein Freischaffender wollte wissen, „…was gibt mir das als Macher einer Tageszeitung in der Region?“, der täglich „sein Blatt“ fertigstellen muss. „Für einen fundierten Beitrag noch selbst recherchieren, diese Zeit habe ich nicht“, eventuell „außer Haus zu gehen“ zu einem Termin sei ebenfalls nicht drin. Die Liste der Unwegbarkeiten ließ sich beliebig weiterführen.

In Punkto Recherche fiel das Wort, sie sei heute „schweineteuer“. Aber da sie zu unserem Handwerkszeug gehört, müssten neue Wege gesucht und beschritten werden. So existiere die Idee, dass sie von Stiftungen oder Unternehmen getragen werden sollten. Und wie ist es mit der Unabhängigkeit, der Freiheit der Information, wie im Presse-Kodex verbürgt festgelegt ist ?

In diesem Zusammenhang: Eine neue Art des Recherchierens stellte ohne viel zu verraten eine junge Kollegin des Stern vom Podium vor. Sie arbeite in einem „Team investigative Recherche“ unter jungen Leuten, die sich nur damit beschäftigen. „Die Recherche muss exklusive Qualität haben“, war sie überzeugt. Und wie kommt man zu solch einer Recherche und was kostet so etwas? wollte die Kollegin einer Regionalzeitung wissen. „Darüber können wir uns draußen unter vier Augen unterhalten“, erhielt sie zur Antwort…

Der Zweite Ostdeutsche Journalistentag wird am 12. Oktober in Leipzig stattfinden.

Klaus Wilk

Über djvintern
Der DJV Sachsen wurde 1990 gegründet und ist als Mitglied im Deutschen Journalisten-Verband die Interessenvertretung der Journalistinnen und Journalisten im Freistaat Sachsen.

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