Es geht um Kultur (1)

kulturzeitung swVon Ulrich Werner Schulze 

El Pais, Le Monde, The Guradian, die NZZ, das Handelsblatt, die Süddeutsche, die FAZ,  taz, LVZ, Welt, Zeit; sonntags die FAS und Wams; der Spiegel, Focus, Bunte und einige people Zeitschriften – wie umgekippte Dominosteine fächern sich die Blätter am Tresen des Café Telegraph in der Leipziger Innenstadt. Und provozieren eines Tages die Frage: Rechnet sich das eigentlich?  „Es geht um Kultur“, sagt Igor.

Seit 2001 führt er das Telegraph als einen Hort der Behaglichkeit, des guten Essens, des regen Gedankenaustausches, der Lesekultur und der Musik; Jazz im Speziellen. Im Wendejahr 1989 war er im Rahmen eines Studentenaustausches nach Leipzig gekommen. Damals etwas über zwanzig und voller Tatendrang, fühlte er sich der Soziologie und den Wissenschaften zugetan,  engagierte sich in Galerien und Museen der erwachenden Leipziger Kunstszene, und stürzte sich ins Nachtleben, das es auch zu DDR-Zeiten gab. An Kiew, seine Heimatstadt, dachte er selten. Leipzig sog ihn auf, wie die Stadt an der Pleiße viele aufgesogen hat. Die Musikstadt, die Buchstadt,  die Kaufmannstadt, die Messestadt, die Verlagsstadt; Ort der 1892 begründeten, berühmten Offizin Haag-Drugulin (heute das Druckkunst-Museum Nonnenstraße); hier wurde 1865 die SPD gegründet und 1913 die DLRG (Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft),  und schon 1900 die Ärztevereinigung Hartmannbund – Leipzig versammelt ebenso viele berühmte wie die Stadt prägende Attribute. Auf keines könnte es verzichten.

telegraf aussen [hprfoto]Dabei blühen die schönsten Pflanzen oft im Verborgenen. Wie das Telegraph. Man muss es kennen. Oder finden. Es versteckt sich etwas. Kein Hinweisschild, keine Werbung, am Eingang nur ein bescheidener Hinweis mit Namen und Öffnungszeiten. Doch wer durch die hohen Fenster ins Innere späht, sieht oftmals fast alle Tische besetzt. „Achtzig Prozent  Stammkunden“, sagt Igor, der Ukrainer, den es in diesen Tagen des Aufbegehrens gegen Präsident Viktor Janukowitsch auf dem Maidan-Platz in Kiew kaum noch in Leipzig auf seinem Platz hält.

Am Tresen beugt sich ein Mittsechziger über die FAS. Ein hereinstreunender Gast sortiert im Zeitungsstapel Die Zeit heraus, ganz hinten in der Ecke ist ein Ehepaar tief in Zeitungslektüre vertieft, zwei junge Frauen blättern ein Modeheft durch, machen sich Notizen – Studentinnen und Rentner, Geschäftsleute und Stadtbummler treibt es hierher wie die Blätter von den Bäumen des nahen Promenadenrings, den einst der Berliner Landschaftsarchitekt Peter Joseph Lenné entworfen hatte.

Im Telegraph glotzt niemand auf sein Smartphone, oder streift hastig über sein App. Hier wird gelesen. Und dabei auch gut gegessen. Sieben Köche beschäftigt Igor, mit Nachnamen Mozak. Aber jeder, auch die jungen Damen und Herren hinter dem Tresen, sagen einfach nur Igor.

Tisch im Leipziger Telegraf [hprfoto]„Die Gäste müssen atmen können“, sagte er. Und meint, es gehe nicht nur um Umsatz. Sondern auch darum, der Hektik des Alltags einen Rest Wohlbefindens abzuringen. Das habe er immer so gehalten, schon im „Hansahaus“, seinem ersten Lokal, danach im Mach 9, in dem er sieben Galerien betrieb, zusammen mit seiner Lebensgefährtin, einer Leipzigerin, die er damals kennen lernte. Das war in den  neunziger Jahren, damals „kam auch Neo zu uns, regelmäßig.“ Igor erwähnt die Begegnungen mit Leipzigs berühmtestem Künstler Neo Rauch, als wären sie eine Selbstverständlichkeit. „Damals, etwa 1995, malte Neo noch in Formaten, die an eine  Wohnzimmerwand passten, noch nicht in jenen, Hallen füllenden Formaten“.  Eine gediegene Kooperation der Künstler mit ihren  Förderern und Begleitern entstand.

Ob er denn nicht auch lieber Künstler oder Wissenschaftler geworden wäre? „Ich musste mich entscheiden: Wirtschaft oder Wissenschaft“. Er entschied auf seine Art: Wissenschaft und Kultur in der Wirtschaft. So führt er das Telegraph, das er 2001 übernahm, im zwölften Jahr nach seiner Ankunft in Leipzig 1989, insgesamt ein  Vierteljahrhundert Kunst, Kultur, Kontraste.

Warum Telegraph? Wie die einst berühmte Berliner Zeitung? „Kann man so sehen“, sagt Igor. Aber er sieht darin die Verschmelzung von Geschwindigkeit und Gelassenheit.  Ein Gedicht sei im Kern nichts anderes als die präzise Kurzform einer langen Erzählung, er liebe Gedichte. Und ein Telegramm das Substrat eines früher so bezeichneten telegraphisch übermittelten langen Berichts: daher Telegraph – Die Kooperation eines Lokales mit der Kultur seiner Stadt. Ihr widmet Igor täglich zwölf Stunden seiner knapp berechneten Zeit; zur Buchmesse wie immer etwas mehr. Vom Eröffnungsmittwoch bis zum Schluß-Sonntag  wieder jeden Nachmittag und Abend Lesungen und Debatten. Unter den drei Dutzend Schauplätzen der wieder gut 1800 Lesungen ist das Telegraph dabei ein Ort der Entspannung, nicht des Gedränges.

Zeitungswand im Leipziger Telegraph m,,Bücher, Bücher und nichts zu lesen“, überschrieb Mitte der achtziger Jahren der Historiker Joachim Fest seinen Leitartikel in der FAZ zur Buchmesse in Frankfurt am Main. Er verriss darin die Gier nach immer mehr Büchern, die zu immer schlechteren führe. Das war und unbestritten – und auch umstritten. Denn wir erleben eben eine Renaissance der gedruckten Literatur. Trotz Internet. Trotz App. Trotz Twitter, trotz Facebook, Whats-up oder Skype. Wer geglaubt hatte, das Buch sterbe aus, sieht sich getäuscht. Er gehe zum Beweis der These in Leipzig ins Café Grundmann oder die Louise, oder eben das Telegraph. Dort begegnen ihm nicht nur viele Autoren sondern vor allem Leser. Frankfurt am Main sieht im Herbst die Buchmesse der Verlage, Leipzig im Frühjahr die der Autoren – und ihrer Leser, auch und vor allem der Zeitungsleser in den Cafés.
Fotos [hprfoto]

Über djvintern
Der DJV Sachsen wurde 1990 gegründet und ist als Mitglied im Deutschen Journalisten-Verband die Interessenvertretung der Journalistinnen und Journalisten im Freistaat Sachsen.

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