Ein Rufer in der Wüste schweigt für immer

Journalistenlegende Peter Scholl-Latour ist am 16. August 2014 gestorben

Von Sigrid Schönfelder

In wenigen Tagen können wir ein neues Buch von Peter Scholl-Latour „Der Fluch der bösen Tat – das Scheitern des Westens im Orient“  in den Händen halten. Wie bei allen seinen mehr als dreißig Sachbüchern werden die Meinungen weit auseinandergehen. Begeisterte Zustimmung und harsche Kritik werden aufeinander prallen – wie immer, wenn ein neues Werk von ihm erschien und in kürzester Zeit die Bestsellerlisten eroberte. Nur eines wird anders sein: wir werden den Autor nie mehr erleben, wie er nuschelnd aber vehement seine ganz eigenen Ansichten und Meinungen zu seinem Buch, zu den Ereignissen unserer Welt, zu den Großen dieser Welt und seine oftmals scharfe Kritik zum Einheitsbrei der Medien äußert und verteidigt. Sehr sympathisch, dass er – ebenfalls gegen den Trend – Kreuzfahrten fürchterlich fand.

Scholl-Latour2 001Anfang Januar 2012 konnte ich den Präsidenten der „Deutsch-Arabischen Gesellschaft“,     Peter Scholl-Latour, aus Anlass der „Feier des Arabischen Frühlings“ bei einer Podiumsdiskussion mit seinem Vize Ulrich Kienzle im Französischen Dom in Berlin erleben. Trotz oder gerade wegen seiner engen Beziehungen zu den arabischen Ländern, setzte er schon damals der allgegenwärtigen Euphorie zur Demokratieentwicklung im Norden Afrikas erhebliche Zweifel entgegen.

Er warnte eindringlich 2003 vor dem Einmarsch in den Irak, nach dem 11.September vor einer unbeherrschbaren Eskalation des Terrorismus als Antwort auf eine, seiner Meinung nach, verfehlte amerikanische Außenpolitik. Hatte er Recht? Wer vermag heute zu beurteilen, ob seine, zur allgemeinen Meinung sehr konträre Sicht auf den Ukraine-Konflikt, auf Putin, Russland und die gegenwärtige EU-Politik richtig oder falsch ist?

Scholl-Latour kratzte nie an der Oberfläche, er schürfte nicht nur, er stieg hinab in die Tiefen der Historie, scheute nicht die gefährliche Realität vor Ort. Er suchte allumfassend nach Ursachen, Zusammenhängen und Verknüpfungen politischer Ereignisse und Entscheidungen. Er war zuhause und hoch geachtet an allen Brennpunkten dieser Welt. Dieser Reporter suchte nie nach Bestätigung für seine Beurteilung anderer Kulturen, Sitten und Traditionen. Er recherchierte nach allen Seiten, erkundete die Denkweisen, Beweggründe und die Seelen seiner Gesprächspartner und der Personen, über die er berichtete. Einen Journalisten wie Peter Scholl-Latour, der mit aller Kraft, Leidenschaft und profundem Wissen über sechs Jahrzehnte der Welt die Welt verständlich machen wollte, wird es nie mehr geben. Voller Neugier, Hochachtung und Ehrerbietung warte ich auf sein letztes Buch.

 

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Über djvintern
Der DJV Sachsen wurde 1990 gegründet und ist als Mitglied im Deutschen Journalisten-Verband die Interessenvertretung der Journalistinnen und Journalisten im Freistaat Sachsen.

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