EJF im Interview: Der Spanier Paco Audije

ejfswAngesehener spanischer Journalist über seine Arbeit beim EFJ in Brüssel und die Situation des Journalismus in seinem Heimatland

24 Jahre lang arbeitete er beim öffentlichen spanischen Fernsehen (RTVE). Mit Beginn der Krise im Jahre 2008 verlor er wie weitere 4.000 Journalisten und Techniker dort seine Arbeit. Jetzt ist er Korrespondent in Spanien für die belgische Zeitung „La Libre Belgique“. Darüber hinaus arbeitet er für zwei Digital-Zeitungen. In Brüssel ist er Mitglied des Lenkungsausschusses (Steering Committee der „European Federation of Journalist, EFJ)“. Sein Name: Paco Audije. Bei einem Gespräch in Madrid ging es um sein gewerkschaftliches Engagement innerhalb des EFJ und um die derzeitige Situation des Journalismus auf der iberischen Halbinsel.

Kurier: Blicken wir erst einmal nach Brüssel und auf deine Arbeit beim EJF. Was erwartest du aus der Zusammenarbeit mit den deutschen Kollegen?

Audije: Die wirtschaftliche Krise hat am härtesten und hauptsächlich den Süden Europas bestraft. Medienkrise und wirtschaftliche Krise treffen damit zutiefst den Journalismus im Süden Europas. Es sah in den letzten Jahren ja gerade so aus, als ob die Krise explodieren würde. Die Rolle, die ich daher von Deutschland erwarte, ist, dass die deutschen Kollegen ein Ohr für den Süden haben, denn der Journalismus ist ein sehr zerbrechliches Ding.

Kurier: Kommen wir auf die journalistische Situation in Spanien zu sprechen. Würdest du gegenwärtig jungen Spaniern raten, den Beruf eines Journalisten zu erlernen?

26 AdijeAudije: Auf keinen Fall. Ich würde sagen: „Du bist verrückt. Es ist höchst wahrscheinlich, dass du einen ordentlichen Lohn haben möchtest, aber es ist höchst unwahrscheinlich, dass du einen solchen ordentlichen Vertrag bekommst.“ Natürlich beschließen dennoch viele junge Leute, irgendwie Journalist zu werden, indem sie diesem romantischen und märchenhaften Teil des Berufes erliegen und ihn bewundern. Persönlich liegt meine Verantwortung darin, ihnen zu sagen: „Seid vorsichtig. Versucht euer Leben zuerst abzusichern. Dann widmet euch in der gewünschten Weise dem Journalismus.“

Vor kurzem war ich zusammen mit 70 Journalisten, die meisten von ihnen sind sehr jung und am Anfang ihrer Karriere. Oft arbeiten sie für kleine Sender. Ein Problem ist es, einmal abgesehen vom Gehalt, dass sie gezwungen sind, alles auf einmal zu tun. Weißt du, wie diese jungen freiberuflichen Journalisten diese Arbeit nennen? Sie nennen sie „multi mierda“, („multiple Scheiße“). Das heißt, sie nehmen einen Termin wahr, müssen Interviews führen, müssen Fotos machen, Artikel fürs web. schreiben und haben natürlich die Aufgabe, interessante Details zusätzlich aufzuspüren.

Kurier: Wegen all dieser Schwierigkeiten wäre, es da nicht hilfreich, eine gründliche journalistische Ausbildung zu haben?  

Audije: Nach dem Ende der Franco-Diktatur war das Problem des Journalismus in Spanien, dass alles dereguliert wurde. Guter Journalismus löste sich in gewisser Weise in Luft auf. Doch wir widersetzten uns der Deregulierung. Wir wollten wenigstens eine gewisse öffentliche Anerkennung für uns Journalisten erlangen. Allerdings haben wir in diesem Bemühen geringen Erfolg. Zwar gab es einige Vorschläge im Parlament, um gesetzlich festzulegen, was ein Journalist offiziell und öffentlich beitragen kann. Am Ende fand der eingebrachte Gesetzentwurf im Parlament leider keine Mehrheit. Daher gibt es keinen speziellen öffentlichen Status für Journalisten in Spanien. Doch wir versuchten wieder Einiges gut zu machen. Wir gründeten zum Beispiel journalistische Schulen und Fakultäten für Journalismus, die zum Diplom führen. Aber das Problem ist, dass wir viele Diplomjournalisten ausbilden, während zur gleichen Zeit viele Journalisten ihre Arbeit in den Medien verlieren.

Kurier: Wie sieht es mit der Honorierung für fest angestellte Kollegen und für „Freie“ aus?

Audije: Das ist schwierig zu beantworten. Aber ich vermute zwischen 1200 und 1500 Euros verdienen Journalisten des öffentlichen spanischen Fernsehens. In allen Medien hat es Stellenreduzierungen gegeben und neue gemeinsame Abkommen. Auch bei der renommierten Zeitung „El Pais“ verloren eine Menge Journalisten ihre Arbeit. Neu ausgehandelte Verträge bieten natürlich schlechtere Bedingungen. Im spanischen Fernsehen veränderten sich die gesetzlichen Grundlagen. Eine neue Gesellschaft wurde gegründet, die eine neue kollektive Übereinkunft erarbeitete mit weniger Einkommen für Journalisten. Das war etwa vor vier oder fünf Jahren.

Das Problem mit den Freiberuflichen ist, dass sie ein so schlechtes Einkommen haben, dass sie davon nicht leben können. Es gibt nur wenige Fälle von spezialisierten Freiberuflichen, die ihr Leben durch ihre journalistische Arbeit bestreiten können.

Auf der anderen Seite entwickelt sich ein interessantes neues Feld: die digitalen Medien. Auch dort gibt es kooperative Zusammenschlüsse. Wir haben eine Explosion von solchen Kooperationen. Es gibt in Spanien mehr als 400 neue digitale Medien. Und viele Journalisten dort können ihren Lebensunterhalt mehr oder weniger davon bestreiten. Vor kurzem sprach ich mit einer Journalistin einer dieser digitalen Zeitungen. Sie ist eine freiberufliche und sehr bekannte Journalistin. Ich fragte sie, wie viel sie verdiene, und sie antwortetet ungefähr 800 Euro. Der Rest hängt von ihrem persönlichen Einsatz ab. Sie arbeitet mit Vertrag auch noch für andere Medien. Aber die Honorierung ist lächerlich, manchmal lediglich 25 Euro für einen Artikel.

Kurier: Vielen Dank für das Gespräch.

Ulrich Wickel

 

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Über djvintern
Der DJV Sachsen wurde 1990 gegründet und ist als Mitglied im Deutschen Journalisten-Verband die Interessenvertretung der Journalistinnen und Journalisten im Freistaat Sachsen.

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