Kläglicher Umgang mit Wutbürgern

karoPodiumsgespräch der Friedrich-Ebert-Stiftung Leipzig verpasst Chance zum Dialog 

Normalerweise reichen die ca. 100 Stühle in der Leipziger Tagungslounge für die regelmäßigen Veranstaltungen des „Mitteldeutschen Mediendialogs“ völlig aus. Für den 10. Abend in dieser Reihe, das Podiumsgespräch zum Thema:

„Lügenpresse“ – Zum Umgang von Medien und Öffentlichkeit mit den neuen Wutbürgern

schleppten die Organisatoren noch bis zum Beginn der Gesprächsrunde zusätzliche Sitzmöbel herbei, sodass schätzungsweise 150 Interessenten teilnehmen konnten. Sicher wären noch mehr Zuhörer gekommen, aber schon seit Tagen konnte eine Anmeldung wegen zu großer Nachfrage nicht mehr erfolgen.

Bereits vor Beginn waren Michael Kästner und der Kameramann Ruben Dähne  aktiv, um für LVZ (Leipziger Volkszeitung)online verschiedene Gäste nach ihren Erwartungen für die nächsten zwei Stunden zu befragen. Sie erhielten sehr unterschiedliche Kommentare, auch solche, die von Ängsten und Unsicherheiten geprägt waren. Wut war zu diesem Zeitpunkt noch nicht sonderlich spürbar.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAMatthias Eisel, Friedrich-Ebert-Stiftung, LB Sachsen, stellte die hochkarätigen Podiumsgäste vor:

Andre Böhmer, Stellv. Chefredakteur der LVZ, Prof. Dr. Everhard Holtmann, Forschungsdirektor, Zentrum für Sozialforschung Halle/Saale, Stefan Raue, Trimedialer Chefredakteur des Mitteldeutschen Rundfunks  ( MDR),  Christian Wolff, ehemaliger Pfarrer in Münster und später in der Thomaskirche Leipzig, Wolfgang Brinkschulte vom MDR-Fernsehen übernahm die Moderation.

Frank Richter, Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, war leider nicht leiblich anwesend –  Frau Richter hatte seine Teilnahme kurzfristig abgesagt. Sein Fehlen wurde daraufhin von mehreren Podiumsgästen geradezu hingebungsvoll genutzt,  um sein bisheriges Verhalten und seine Äußerungen bezüglich PEGIDA heftig, unsachlich und für Normalzuhörer sehr nebulös zu kritisieren. Keiner der Herren erwähnte, dass durch seine intensiven, engagierten und sehr differenzierten Bemühungen in Dresden überhaupt erst der Beginn eines Dialogs ermöglicht wurde.

Christian Wolff verstieg sich dazu, ohne dass vom Podium ein Einspruch erfolgte, Herrn  Staatskapellmeister Christian Thielemann das Recht auf eine Meinungsäußerung in dieser Sache abzusprechen und Thielemanns SZ-Artikel   als „Unsinn“ zu diffamieren.

Stefan Raue legte dar, dass man nach PEGIDA nicht mehr einfach zur Tagesordnung übergehen könne. „Uns hätten die Ereignisse nicht so überraschen dürfen…..seit Sarrazin sind diese Meinungen bekannt und genannt“, räumte der Chefredakteur des MDR ein. Er lässt auch Zweifel erkennen, ob die Medien anfangs die Minidemonstration zu sehr aufgebauscht hätten.   Am meisten hätte die anfänglich totale Kommunikationsverweigerung der Demonstranten und die massive Feindseligkeit gegenüber der gesamten Medienwelt irritiert. „Wer geht da schweigend durch Dresden,  meistens sehr diszipliniert? Wie gehen die Medien mit diesen Themen um? Wo schlägt sich diese Wut nieder, vor allem dann, wenn die Menschen nicht mehr demonstrieren“, fragt Stefan Raue weiter. Auch Prof. Holtmann beklagte, dass wenige der Demonstranten bereit wären, sich zu äußern und zu outen.

Die Zuhörer wurden zunehmen unruhiger, als Statement auf Statement folgte, Pfarrer Wolff zu ausgefeilter Selbstdarstellung und zu einer, sich wiederholenden, überheblichen Belehrung überging.

Jetzt war die zunehmende Wut deutlich spürbar. Empörung, weil keinerlei Zwischenfragen zugelassen wurden  – wieso eigentlich? – machte sich in lauten, teils unqualifizierten Zwischenrufen Luft.

Zum Abschluss – zwischen Getränken und Häppchen  –  kritisierten zahlreiche Teilnehmer die Einseitigkeit der Veranstaltung, die Verweigerung des Dialogs, fehlende Bereitschaft Ängste und Verunsicherungen ernst zu nehmen , die undifferenzierte Einschätzung der Demonstranten,  die unbewiesene Behauptung, dass Demonstranten von rechten Netzwerken gelenkt werden.

Die seit heute auf der homepage von Pfarrer Wolff  boshaft an Frank Richter gestellte Frage: -„Sieht so der Dialog aus, wenn zu erwarten ist, dass es auch kontrovers zugehen kann?“- wäre doch wohl eher eine Frage  zum Podiumsgespräch vom Donnerstag „ Es ist schwierig zuzulassen, dass alle ihre Meinung äußern können“, belehrte Pfarrer Wolff seine Zuhörer. Wie wahr – auch für Geistliche!

Sigrid Schönfelder

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Über djvintern
Der DJV Sachsen wurde 1990 gegründet und ist als Mitglied im Deutschen Journalisten-Verband die Interessenvertretung der Journalistinnen und Journalisten im Freistaat Sachsen.

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